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BERLINISCH

2010-02-08
Anna Ospelt berichtet jeden Montag aus den Alltagswirren ihres Sabbatsemesters. Dieses Mal stellt sie ihre Mitbewohner vor.

Liebe Tamara,
"In Berlin war`s weder furchtbar schön noch entsetzlich hässlich, es war berlinisch, ganz einfach“ schreibt Robert Walser 1905 an seine Schwester Fanny.
Berlin, meine Heimat während der kommenden vier Monate. Auch ich finde es sehr berlinisch, mit jedem Tag wird dieses Wort von neuen Eindrücken angereichert. Übrigens habe ich es in der vor zwei Wochen erwähnten WG keine 24 Stunden ausgehalten. Nun wohne ich in Wedding, einem Bezirk, in dem laut dem älteren Herrn, den ich nach der Richtung fragte „Nur Türken wohnen! Willste da wirklich hinjehn, Kleene? Die kriechste nichts als Hammelbraten!“ Nun, Hammelbraten hat man mir bisher keinen angeboten, dafür das allerfrischeste Gemüse.
In meiner kunterbunten WG steht neben vielen Gitarren, Farbtöpfen und einer Ziehharmonika ein Klavier, das sehr oft singen darf. Entweder sitzt Vivien daran, die Augen auf die Noten geheftet, eifrig bemüht, der Melodie zu folgen. Wenn sie nicht klimpert, liest sie, am liebsten alte Bücher in vergilbten Leineneinbänden.
       So lange, bis sie vor klagenden Kopfschmerzen ganz gelb im Gesicht wird. Auch Johannes sitzt oft am Klavier, das erste wozu er morgens fähig ist. Im Gegensatz zu Vivien hat er einen selbstbewussten Tastenanschlag und man fragt sich bei seinem Spiel, weshalb die Schwerkraft noch immer an ihrem Prinzip festhält. Seinen blonden Pferdeschwanz wäscht er mit einem duftenden Glanzshampoo. Wenn er aus der Psychiatrie heim darf, spielt auch Flo, der vierte Mitbewohner, jazzige Klavierstücke oder erkitzelt aus der Gitarre die schönsten Klänge. Er dreht über Nacht gerne alle Bilder um und verstellt die vielen Uhren, die hier hängen. Ich hoffe, dass ihm die Ärzte nicht die Kreativität aus der Seele pusten. Bald werde ich alle sehr lieb haben, eigentlich schade, dass ich im April zu meiner Freundin nach Mitte ziehe. Ich kann das Zimmer ihres Mitbewohners übernehmen: „Haiko, 22, Architekturstudent, schwuler Christ.“

Über meine wunderbare Arbeit im Lektorat inklusive der herzzerreissend übelsten Manuskripte werde ich dir nächste Woche berichten. Bis dahin alles Liebe, deine Anna
In meiner kunterbunten WG steht neben vielen Gitarren, Farbtöpfen und einer Ziehharmonika ein Klavier, das sehr oft singen darf.