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TEEBEUTEL IM MUND

2010-03-09
Anna Ospelt berichtet jeden Monat aus ihrem Sabbatsemester in Berlin. Dieses mal fragt sie sich, ob sich ihr Umfeld fragwürdig verhält.

Liebe Tamara,
bitte entschuldige, dass ich dir erst jetzt schreibe! Ich bin einfach nicht dazu gekommen. Kaum meinte ich, eine ruhige Minute zu haben, ist irgendwas passiert. Und hatte ich dann Zeit, war ich so einfallslos wie eine Tauschnecke. Übers Wochenende bis heute haben mich meine zwei Freundinnen aus Basel besucht, was sehr schön war und schlussendlich auch zu Abschiedstränen geführt hat. Nach einer erstaunlichen Menge an Frusttränen, Müdigkeitstränen und zum Glück auch Lachtränen. Sonntags waren wir an einem super Konzert einer Schweizer Band. Ich bin extra früher heimgegangen, um dir zu schreiben, aber hier hat mich eine singende Meute empfangen. „Bist du Sopran, Anna?“ Ne, höchstens wenn ich lache. Vivien, Ben und ich haben daraufhin Ovomaltine gelöffelt, was wirklich toll war, aber bevor es um halb zwei Hühnchen mit Rosmarinkartoffeln gab, hab ich mich verabschiedet. Als ich aufwachte, waren Mirjam und Leah zurück und machten sich bettreif. Nach einer aufreibenden, destruktiven Diskussion über soziale Missstände und einem ulkigen Empfang meiner Mitbewohner. Sie erzählten mir, dass die kleine Party ausgeartet sei, weil Johannes und Ben geraucht haben,
      obwohl Bens Freundin das hasst. Sie haben versucht, das zu verstecken, Johannes meinte „Ben, hast du gewusst, dass wir einen Hamsterkäfig auf dem Balkon stehen haben? Komm, den zeig ich dir!“ Vom schlechten Gewissen geplagt, nahm Ben danach einen Teebeutel in den Mund, damit sie den Rauch nicht rieche. Den Rauch hat sie nicht gerochen, aber das Zettelchen hing ihm blöderweise aus dem Mund, sodass sie auf ihn eingeschlug. Das war natürlich nicht fein und äusserst demütigend für Ben, sodass er gleich einen Abgang machte. Dummerweise musste er nach fünf Minuten wieder klingeln, weil er vergessen hatte, seine Schuhe anzuziehen.
Ich war mittlerweile hellwach und fragte mich, ob Vollmond sei, worauf Leah Mirjam zurief: „Siehst du, es ist Vollmond! Das erklärt alles.“ Mirjam vor sich hindösend: „Was für ein Blödsinn. Es ist Halbmond.“ Leah: „Ach so, aber das ist ja auch sehr heikel.“ Mirjam: „Naja, vielleicht liegts auch am Ozon.“
Kannst du dir nun vorstellen wieso ich dir nicht schreiben konnte? Ich fände es ja lustig, wenn du mich besuchen würdest. Dann könnte ich dir einen Brief über deinen Besuch schreiben!
Bis bald also,
deine Anna

Ben, hast du gewusst, dass wir einen Hamsterkäfig auf dem Balkon stehen haben? Komm, den zeig ich dir!