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DAS LIED VON MIKKE MAKKE (1-7)

2009-01-27
Was bisher geschah!

1. Grosses Hallo auf offener Strasse
Treffen auf off‘ner Strasse sich zwei Reime
«Ich weig’re mich, Gedicht zu sein», der eine
«Und ich erst!», rückversichernd der Zweite.
Drauf suchen die beiden in der Prosa das Weite.

2. Der Hintergrund
Nun war es fast schon Mitternacht
Die letzte Redaktion machte Schluss
Die Meldung in die Pressen fand
In die Vermischten und dreiviertelseitig
Dass dies die Nacht des Massakers war.

So kurz vorm Schluss geschah das Blutbad
Dass mans nicht nachrecherchierte
Man konnte nicht, schliesslich twittertens
die Spatzen schon von den Dächern
Und Betroffene betroffen sich auf Facebook.

So knapp bemessen war die Ressource
So hochdringlich der Handlungsbedarf
Dass man schockstarr nur Depeschen
Ungekürzt ins Blatt aufnahm
Als Meldung und Leitartikel.

Es handelte sich um einen Haufen Tote
In einem grossen Haus in der Stadt
So sadistisch und detailverliebt die Tat
Dass man es kaum fassen konnte.
Das mussten Auswärtige gewesen sein!

Jetzt Überfremdung! Abstumpfung!
Verrohung gesellschaftlicher Sitten!
Auftragsmord von der Mafia!
Sinnloses Exempel statuiert!
Was sollte man sonst davon halten?

Und noch bevor wer sich einen Reim machen konnte
Auf Ausmass und Grund dieser Tat
War die Sache öffentlich schon abgehakt
Denn die Stadt hat einen riesigen Hafen!
Und so lügten die einen wie gedruckt, die andern wie gebloggt!

3. Kinderheim In Vitro
Das ist das Lied von einem Mikke Makke!
Der abends einst ereignislos
Zu Fuss seine liebe Stadt durchquert
Der Länge nach durch all den Regen
Und immer brav den Füssen nach!

Mikke Makke ist ein Finne
Am Meeresbusen gut gesäugt
Rannt’ seiner lieben langen Lebzeit
Durch die ganze weite Welt
Suchend nach mehr oder weniger Sonne.

Ein Lied, abendlich, ereignislos, ungesungen
Es handelt vom nächtlichen Mikke Makke
Der fussgängerisch durch die halbe Stadt
Ans andere Ende des Dorfes spazierte
Komplett ereignislos! formidabel, das Lied!

Weil unter den vielen Liedern, die sind
Nur eins ist von Mikke Makke
Und unter allen Menschen nur ein Makke
Ist dies das Lied von Mikke Makke
Keinesfalls nur eins unter vielen.

Mikke Makke, fünfzig Sommer an der Zahl
Viel geachtet in der Stadt, seiner Stadt
Adoptiert von den Eltern, wie man sagen hört
Schon als Spermium, so einer, Mikke Makke
Kinderheim In Vitro, Karriere in der Stadt.

Als Banker und Finanzmasseur
Der überall was herauskneten konnte
Broker, Gelddompteur, Tausendsassa
Und Unternehmensphysiotherapeut’
Der sich mit Anteilsscheinen abwischte

Macht’ er sich bald einen Namen!
Mikke Makke war sogar schon so reich
Dass er nicht mehr nach Geld stank
Sondern das liebe Geld nach ihm,
Ansonsten gibt’s nichts zu berichten!

Nichts? – na! wenn das mal nichts ist
Verstehe nicht die Zugeknöpftheit
Dieses Lied geizt mit seinen Tönen
Die Melodie mäandert ereignislos
Wär’ nicht Mikke, man liesse hör’n und lesen sein!

4. Das Eigentliche
Das ist das Lied von Mikke Makke
Und zwar das allereinzigste
Es handelt von der nächtlichen Stadt
Davon, sie längs zu durchqueren.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Nämlich Makkes Schritte schlichen
Heimlich im Schutz der Dunkelheit
Unerkannt durch den hintersten Ausgang
Des Schauplatzes eines Mords!
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Denn blutverschmiert war sein Gesicht
Waren Finger, Kleidung, Haare
Blutüberströmt sogar sein Verstand
Ganz zu schweigen von seinem Empfinden.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Was sollte man auch schon gross davon halten
Ein nächtlicher Tatort wird gefloh‘n
Die letzten Spuren zum Verschwinden gebracht
Und das Corpus Delicti geht flöten!
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Der Mikke Makke versteht nicht den Trubel
Auch nicht das grosse Polizeiaufgebot
Welches hereinbricht über die Wohnung
Wo alles vor Stunden erst geschah.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Es ist nicht alles, wie mans sieht
Sogar das Ungesehene trügt
Denn Mikke Makke ist ein Fall
Den selbst nach Jahrzehnten keiner löst.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Herr Mikke Makke ist ein Toter
Könnte Täter oder Opfer sein
Und wankt, je nun! auf schwachen Füssen
Talabwärts durch seine Stadt.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Regen spült in langen Fäden
Blut in Bächen von ihm ab
Und jedes noch so kleine Rinnsal
Berichtet unheilvolles Zeugs.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

So hallen seine Schritte nun
Durch die Freie Strasse
Überqueren Tramgeleise
Und Kopfsteinpflaster auch.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Der Wind frischt auf
Mikke Makke merkts nicht
Geht weiter wie der Rhythmus im Lied
Pausierend nur vor Schaufenstern.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

«Warum nur nimmt mich keiner wahr»
fragt Mikke Makke sich innig
«Sein ist doch geseh’n zu werden
und beides will ich sein.»
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Schon spürt er den Augenblick wiederkommen
Von damals, kurz vor der Flucht
Splittern der Holztür, Schritte, Stampfen
Dann Schreie, Schläge und Schüsse.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Die Diele knarrt im Erdgeschoss
Dann ächzt die alte Treppe
Schwere Schritte poltern heran
Und bleiben auf einmal stehen
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Stimmen dann, beratschlagend, leis
Grad draussen vor der Tür
Nun heisst es selbstverständlich handeln
Und handeln selbstverständlich töten
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

5. Im Sinn eines Zwischenspiels
«Sie sind gekommen, um mich zu holen
oder gehe ich ihnen entgegen?
Wann brechen sie die Zimmertür auf
Wo hab ich den Vorschlaghammer.
Nun warten oder selber zuschlagen!»

So fürchtete Mikke sich vor der Tat
Denn er wusste, es galt die oder er
Nur lag dies alles schon lange zurück
Ein paar Stunden oder Leben.
Drum fühlt er sich endlich gerettet jetzt.

Hier war er in Sicherheit
Mitten auf offener Strasse
Mitt’st unter all’ diesen Leuten
Er musste sich nur anvertrauen
Und einfach um Hilfe rufen.

Dies tat er, doch null Reaktion
Niemand nahm den Kopf vom Telefon
Keiner die Lippen von der Flasche
Die Füsse nicht vom vorgeseh’nen Pfad
Und keiner Notiz von Mikke Makke.

«Sollte man mich trotz Präsenz nicht sehen?
Was sagt mir das von den Leuten?
Wie kann bloss so teuflisch unachtsam
Das Fussvolk der Städte sein?»,
Fragte Makke sich, verfolgt, gequält.

6. Schussfahrt
Da gehen Mörder unter uns
Unbehelligt durch die Strassen
Und wir ignorieren nicht nur sie
Sondern geh’n auch achtlos am Opfer vorbei.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Nun packt Humor, dunkelrabenschwarz
Den nachdenklich gewordenen Mikke
Und er stellt sich wie zum Spass
Ein paar Fussgängern in den Weg.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Jetzt stelle sich einer das mal vor
Blutverschmiert in der Regennacht
Mikke Makke versperrt Leuten den Weg
Und was geschieht? Und was geschieht?
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Weil nichts geschieht
Geht das Lied drüber weg
Wie über schlecht komponierte Passagen
Nur soviel noch: rein gar nichts geschieht.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Denn genauso wie das Lied
Nun hier hinweghuschen muss
So gehen die Passanten als wär’ nix
Schnurstracks an Mikke Makke vorbei.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Der lässt sich das nicht durchgeh’n, nein
Stellt sich den Leuten noch mehr in den Weg
Und doch stets mit nur einem Resultat
Man geht wie durch ihn hindurch.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Und so, noch bevor er den halben Weg
Hinter sich gebracht hat, Mikke Makke
Fühlt er sich schon so dünn wie Luft
Als würd’ die Materie ihm schwinden.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

«Müssen die mich zuerst in der Zeitung lesen
Verwischt unter vermischten Nachrichten
Bis man mir glaubt, dass ich heute und hier
Ihnen hilfesuchend im Weg stand?»
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Solche Fragen belasten ihn fürchterlich
Und noch dazu niemand Kenntnis nahm
Von Mikke Makkes Hilferufen
Egal, wie er sich auch immer anstellt.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Es hätte ihm der halbe Kopf
Von einem Beil zerdeppert sein können
Was ja durchaus wahrscheinlich war –
Und keiner hätts zur Kenntnis genommen.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Oder zur Kenntnis genommen vielleicht
Also bestenfalls zur Kenntnis genommen
«Aber doch bitte nicht auf offener Strasse
Was denken sie sich bloss dabei.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!»

Drum immer weiter, langsam trotzig
Führt Makkes Weg durch die Nacht
Und keine Sau befällt der Schauer
Ob seiner Irrlichttuerei!
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

So aufgeklärt ist die Zeit dieses Lieds
Das niemand meint, Angst haben zu müssen,
und so trabt Mikke schon ein bisschen zerknirscht
Immer weiter unlustig seines Weges.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Ein Weg ist das! ja, der Weg ganz allein!
Ein Leben und Ableben! Das glaubt man nicht
Und immer so weiter durch alle Strassen
Den eigenen Tod auf den Lippen.
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was!

Das mag nun erinnern an erinnern an manch anderes Lied
Doch es unterscheidet sich davon grundgründlich
Denn das Lied von Mikke Makke
Muss erst noch gesungen sein!
So, das wärs – doch, ach! da bleibt noch was.
Ville Miettinen; piqs.de