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WEIBLICHKEIT UND DIE TURNSCHUHFRAU

2010-01-28
Feminismus ist passé? Von wegen! Jeden zweiten Donnerstag betrachtet Bertha Blaustrumpf die Welt aus einer radikalfeministischen Perspektive. Nichts für Hausfrauen und Softies! Diesmal verpasst sie ein paar Männern roten Lippenstift.

Wenn der SVP-Mann René Kuhn ein Buch herausgibt mit dem Titel «Zurück zur Frau – Weg mit den Mannsweibern und Vogelscheuchen», dann findet Blaustrumpf das zu lächerlich, um sich darüber aufzuregen. Dass die Moderedaktorin Bettina Weber dann aber auch noch findet, er habe recht, kann sie nicht so einfach hinnehmen.
Die heutigen Schweizerinnen rennen am liebsten in Turnschuhen und Jeans rum, das findet Frau Weber schade. Schade für wen eigentlich? Für die Männer, die es als eines ihrer Grundrechte ansehen, Frauen in einengender Kleidung um sich zu haben? Und was ist mit meinem Grundrecht, Männer mit rotem Lippenstift und lackierten Fingernägeln um mich zu haben? Das schaue ich mir auch immer mal wieder gerne an, und trotzdem kommt komischerweise ausser mir nie jemand auf die Idee, es zu vermissen.
Irgendwann hat mal jemand beschlossen, dass es sich für Frauen gehört, unbequeme Kleidung zu tragen. Für Kerle ist es aber ok, wenn sie praktisches Schuhwerk tragen, in dem sie notfalls auch mal mehr als hundert Meter gehen können, ohne ein hohes Risiko auf beidseitige Knöchelverstauchung einzugehen.
      Das liegt daran, dass Männer nicht weiblich zu sein haben. Weiblich heisst in diesem Falle: für die Dekoration gedacht. Es ist ja ganz schön, wenn die erfolgreiche Geschäftsfrau Tamara Mellon aus dem Grund High Heels trägt, weil sie ihren männlichen Verhandlungspartnern um nichts nachstehen will – in der Grösse. Zum Glück muss sie sich mit ihnen nicht im Sprint messen.
«Einem hübschen Gegenüber hört man lieber zu» - wie wahr, Frau Weber. Es ist ja überhaupt nichts falsch daran, gut auszusehen. Und dabei ein bisschen nachzuhelfen. Seien wir mal ehrlich, auch Bertha hat sich schon mal die Beine rasiert, wenn sie das eine oder andere Date hatte. Und schliesslich geben äussere Verschönerungsmassnahmen – sofern sie erfolgreich sind – einer das Gefühl des Siegs der Kultur über die Natur. Aber warum sollten für das schön-Aussehen allein die Frauen zuständig sein? Und warum sieht es eine Moderedaktorin trotz aller Kritik an Kuhns zutiefst sexistischem Auswurf die Verschönerung der Männerwelt als unsere erste Funktion und somit Pflicht an? Da lob ich mir alle Frauen, die die Turnschuhe angezogen haben und auf dem Weg in ihre eigene Welt sind.
Lucian Hunziker; www.lucianphotography.com
Rasierte Beine sind was für Radrennfahrerinnen, nicht für Bertha Blaustrumpf!