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DIE ANDERE HäLFTE

2010-06-28
Eine Trennung der speziellen Art erfahren wir in Daniel Lüthis «Die andere Hälfte». Auch hier geht es um Liebeskummer, doch die Methode, um damit fertig zu werden, ist nicht ganz legal … lesen auf eigene Gefahr!

Es war jetzt fünf Monate her, seit sie sich getrennt hatten. Seit zwei Monaten brach er immer wieder bei ihr ein, so wie heute Abend, wenn sie nicht da war. Er klaute ihr Lippenstift, Bücher, alte Fotos – kleine Dinge, die kaum auffielen, nachdem sie fort waren. Mit jedem Stück, das er mitnahm, tat ihm die Trennung seltsamerweise weniger weh… so als würde er ein bisschen Schmerz dort zurücklassen, wo vorher eine Packung Zigaretten oder ein Bleistift gewesen war. Jedenfalls hoffte er das. Nun schweifte er wieder mit der Taschenlampe durch die dunkle Wohnung und grinste wie ein Kind. Was, was, was würde er denn dieses – er fuhr zurück. Ihr Bild hing an der Wand über der grossen Kommode. Ihr gemeinsames Bild, das sie beide zusammen gemalt hatten. Wie lange war das jetzt her? Bestimmt ein Jahr. Sie hatten beide ihre Lieblingsmomente ihrer Beziehung aufgeschrieben und diese dann auf eine grosse Leinwand gemalt. Das fertige Gemälde hatten sie gerahmt und anschliessend diagonal durchgesägt. Jeder hatte eine Hälfte davon zu sich nach Hause genommen und aufgehängt. Erst wenn sie endlich zusammenzögen, würden die beiden Teile wieder vereint werden. Sie hatten es geliebt, ihren Freunden oder einander von «ihrer Hälfte» zu erzählen. Jetzt, wo er das grosse Dreieck nach so langer Zeit wieder an der Wand hängen sah, hasste er es augenblicklich. Nicht wegen der vergangenen Momente, sondern weil sie es wieder hervorgeholt und aufgehängt hatte. Was sollte das? Wusste sie, dass er hier war? Wollte sie ihn damit quälen? Die ganze hämische Schadenfreude der letzten Wochen war verflogen, er befand sich wieder am Anfang vom Ende, als sie ihm die Tür vor der Nase zugeknallt und zweimal abgeschlossen hatte. Sie hatte es beendet, und nun riss sie ihm die Wunde von neuem auf. Zum Glück wurde er wütend. Eine Idee blitzte ihn ihm auf. Er würde es klauen. Er würde das Bild klauen und den Schmerz umkehren, ihn zu ihr zurückschicken, ganz egal, ob sie es dann merkte. Schlussstrich und fertig, keine schlaflosen Nächte mehr. Ich werde es verbrennen, dachte er beim Abhängen der Schnur. Beide Teile zusammen, und die Hälfte der Asche schicke ich ihr dann. Vielleicht sollte ich noch Fotos –

hinter ihm ging die Haustür auf. Jemand schaltete das Licht an. Stille. Er war erstarrt, im ersten Moment unfähig, sich zu bewegen. Ich habe sie seit vier Monaten nicht mehr gesehen, fuhr ihm durch den Kopf. Nicht lange genug, fügte eine leise Stimme hinzu. Dann drehte er sich langsam um, die Bildhälfte schützend vor die Brust geklammert. Sie stand auf der Türschwelle und blickte ihn an, genauso überrascht wie er sie. Sein Herz machte einen schmerzhaften Hüpfer. Sie sah auf seine Brust und lächelte traurig. Er machte einen halben Schritt auf sie zu und hielt inne. Sie hielt etwas in den Armen, ein grosses Dreieck. Die andere Hälfte des Bildes. Seine Hälfte.
© Gabi Schoenemann von pixelio.de
Daniel Lüthi, geboren 1981, studiert Deutsch und Englisch in Basel.