DIE KLAGE DES POLYPHEM
2010-06-28
Cyril Haldemann lässt in «Die Klage des Polyphem» den mythischen Zyklopen alle Stationen von Liebeskummer durchleiden. Fast erschrickt man, dass er von der Klippe springen könnte, auf der er steht und seiner geliebten Galatea (oder wenigstens uns) zuruft. Aber was soll man ihm antworten?
| Manchmal steigt er auf eine Klippe und schreit. Schreit: „Galatea! Galatea! Hörst du mich, Galatea? Es ist als müsst’ ich in der Mitte auseinanderbrechen. Ich bin ganz stumpf geworden, sosehr habe ich mich nach dir verzehrt. So stumpf, dass ich gar nicht mehr weiss wer ich bin und was ich wollte. Ich wollte dich, Galatea. Ich will dich noch immer. Vielleicht will ich auch nur, dass es aufhört, dieses Gefühl, dass er aufhört, dieser Schmerz. Galatea. Galatea, ich weiss es nicht. Weiss es nicht mehr. Wolltest du nur die Meine sein, könnt’ ich schlafen, ruh’n. Ich bin so erschöpft vom Hoffen und Wollen, vom Träumen und Wünschen. Galatea.“ Seine Stimme ist immer leiser und schwächer geworden, seine Brust zusammengesunken und seine anfangs wilden Hände krallen sich in das Haar, um nicht zu baumeln. Er hat fast keine Tränen mehr, keine Tränen der Trauer und keine Tränen der Wut mehr. Ekel folgt auf Selbstverachtung, Selbstverachtung auf Selbstmitleid, Selbstmitleid auf hoffnungslose Leere. Er könnte brüllen vor Schmerz wenn er meint mit seiner Faust in seinen Eingeweiden zu wüten, blind vor Zorn und getrieben von dem Verlangen nach einem anderen Schmerz. Ganz leise: „Galatea.“ |
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© Paul Georg Meister von pixelio.de
Cyril Haldemann ist Mitglied der Literatengruppe Sekundärlärm. Seit 2009 führt er zusammen mit dem Schriftsteller Freddy Allemann das THEATRE DE LA FABRIK in Hégenheim.
Davor studierte er vor allem Germanistik und Kunstgeschichte in Basel.
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