Das Festival in Roskilde wurde vor 40 Jahren von Studenten gegründet und ist heute mit 70‘000 zahlenden Besuchern und nochmals 25‘000 freiwilligen Helfern eines der grössten Festivals Nordeuropas. Im Jubiläumsjahr 2010 fand es vom 1.-4. Juli statt, wobei dem viertägigen Festival noch ein fünftägiges Warm-up vorangestellt wird. Nachdem Jahr für Jahr die Gäste immer früher das Gelände erstürmten, wurden diese fünf Tage ursprünglich als Puffer konzipiert, mittlerweile bilden sie jedoch einen integralen Bestandteil des Festivals. Da während des Warm-Ups nur kleine dänische Bands spielen, wird das Unterhaltungsprogramm von den Festival Besuchern selbst in die Hand genommen.
Speed-Dating, Clubs & Badesee
Die verschiedenen Camps überbieten sich gegen seitig mit ihren von Autobatterien gespiesenen Anlagen, überall in den verschiedenen Campingbereichen bilden sich kleine Clubs, zwischen welchen man nach Herzenslust hin und her wechseln kann. Praktisch jedes Camp verfügt über seinen eigenen Namen, welcher zum Teil mit Kostümen und Requisiten umgesetzt wird. Vom Moustache-Camp (inkl. falsche Schnurrbärte), über das Cooking-Band-Camp (Köche in voller Arbeitsmontur unterhalten mit zwei Schlagzeugen und diversen Gitarren) bis zum Wo-ist-Walter-Camp (in der entsprechenden Aufmachung). Die Veranstalter wählen alljährlich das Camp des Jahres. Gewisse Aktivitäten der Camps grenzen an Aktionskunst oder sind einfach nur herrlich unsinnig. Man kann beobachten, wie sich Speed-Dating-Runden formieren, aufs Geratewohl Küsse verteilt werden oder Gruppen von Jugendlichen angesichts der Freizügigkeit einiger Festivalbesucherinnen spontan in Applaus ausbrechen. Neben dem privaten Kulturschaffen der Besucher bietet auch die Festivalorganisation einiges. So finden sich verstreut in der riesigen Zeltstadt ein Badesee, ein Anglersee, ein Skatepark, ein Openair- und ein Indoor-Kino, und es wird auch ein eigener Radiosender betrieben. Bei diesem ganzen Trubel kann man schon mal vergessen, dass der Beweggrund um an das Festival zu gehen, ursprünglich die Musik war.
Das Line-Up
Das diesjährige Line-Up kann sich, auch wenn es nicht mehr so gross ist wie in den vorangegangenen Jahren, durchaus sehen lassen. Die Headliner Gorillaz und Muse bieten den 60‘000 Zuschauern vor der Orange Stage eine beindruckende Show. Den Gorillaz gelingt es nicht ganz als einheitliche Band herüber zukommen und der ganze Auftritt ist deshalb von hohen Aufs und weniger tiefen Abs durchzogen. Muse spielen ihre Songs perfekt runter, da lässt sich kein Haar in der Suppe finden. Die ausserhalb von Dänemark eher unbekannten Nephew spielen tüchtig auf und die Stimmung vor dem Heimpublikum ist am Kochen. Eher harzig verläuft da schon der Auftritt des Musikers Prince. Spekulationen über eine sehr hohe Gage, an einem Festival, dessen Einkünfte vollständig wohltätigen Organisationen zukommen, hat einige Vorbehalten Auftrieb gegeben. Viele der jungen Besucher kennen knapp mal den Hit Purple Rain und der routinierte Star muss erst zünftig einheizen, | | um alle aus der Reserve zu locken. Die eigentliche Hauptattraktion am Roskilde sind jedoch die mittleren Bands wie die hervorragenden Beach House, die göttliche Florence and the Machine, die pulsierenden Moderat, die aufgeladenen The National, welche sich von ihrer besten Seite zeigen. Es fällt auf, wie viel besser die dänische Musikszene im Vergleich zu derjenigen der ähnlich grossen Schweiz entwickelt ist. Bands wie Kashmir, Efterklang oder Turboweekend scheinen in der hiesigen Bandlandschaft keine Entsprechung zu finden.
6 Uhr morgens, wo ist die Sonnencreme!
Glaubt man einem Artikel aus dem Magazin, so sind die Dänen gemäss mehreren Studien das glücklichste Volk der Welt. Wenn man auf dem Festivalgelände in Roskilde umgeht, fällt es einem leicht dies zu glauben. Das skandinavische Lächeln ist allgegenwärtig. Überreste der Hippie-Bewegung sind spürbar. Alle Besucher sind äusserst friedlich und zuvorkommend. Weil das Festival nahezu vollständig auf der Hilfe von Freiwilligen beruht, welche drei Schichten à acht Stunden abzuarbeiten haben, sind auch die grimmigsten Security-Leute im Endeffekt nur Festivalgäste. 2010 sind 80% der Festivalgänger aus Dänemark und die Übrigen kommen zum Grossteil aus den skandinavischen Ländern. So trifft man auf Isländer, die einem unbedingt erklären wollen, wie man Eyjafjallaköll richtig ausspricht, eine Gruppe von den Färöer-Inseln oder eine reizende Grönländerin, die sich erkundigt, ob man überhaupt wisse, wo ihr Land liegt. Das vom Festival proklamierte „Orange feeling“, welches auf der Farbe der Bespannung der Hauptbühne basiert, ist allgegenwärtig. Man wünschte sich, das Festival würde 20 Tage dauern, wäre da nicht das aufkommende Schlafdefizit. Ab Donnerstag, wenn das Spiel der grossen Bands beginnt, möchten nämlich nur wenige auf die Partys in den verschiedenen Camps verzichten und das Feiern verschiebt sich in die spätere Nacht. Die nördliche Lage von Roskilde führt dazu, dass es um vier Uhr morgens bereits wieder annähernd taghell ist und der Partygänger um 6 Uhr schon mal auf der Suche nach Sonnencrème gehen muss. Schlafen ist morgens aufgrund der Hitze im Zelt nicht für länger als zwei Stunden möglich. So werden die letzten Tage zu einem Abnützungskampf, man will einfach nichts verpassen.
See you 2011, Roskilde-Festival
Ebenso wenig nachhaltig wie der Umgang mit Schlaf gestaltet sich die Entsorgung der diversen Abfälle auf dem Festivalgelände. Um die dicht an dicht stehenden Zelte türmen sich trotz der Bemühungen einiger Freiwilliger Berge von Müll. Jedes Zaunfundament scheint vom Urin der Festivalbesucher und -besucherinnen durchtränkt, denn die Frauen sind sich hier nicht zu schade sich den Wildpinklern vor den Augen Dutzender Passanten anzuschliessen. Auch der Badesee muss am Freitag aufgrund von übermässiger Belastung mit Bakterien geschlossen werden. Das Festival ist nur auf kurze Zeit ausgelegt und so geht man am Sontag schweren Herzens vorbei an Zeltleichen und brennenden Pavillions zurück in die Zivilisation. Man ist sich dabei aber gewiss: See you for Roskilde 2011.
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Michael Flarup, Roskilde-Festival
Michael Flarup, Roskilde-Festival
Michael Flarup, Roskilde-Festival
Bei diesem ganzen Trubel kann man schon mal vergessen, dass der Beweggrund um an das Festival zu gehen, ursprünglich die Musik war.
Per Lange, Roskilde-Festival
Muse spielen ihre Songs perfekt runter, da lässt sich kein Haar in der Suppe finden.
Christian Hjorth, Roskilde-Festival
Die ausserhalb von Dänemark eher unbekannten Nephew spielen tüchtig auf und die Stimmung vor dem Heimpublikum ist am Kochen.
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