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EIN UNGEZOGENES PATENKIND

2010-07-21
Fünf Mitarbeitende von «gezeteraPrint» und «gezeteraOnline» schreiben alle zwei Wochen eine Kolumne in der «Basler Zeitung BaZ». Am 13.7.2010 schrieb Sven Schopfer.

Liebe Patin, lieber Pate

Sofern Sie im letzten Jahr in Basel-Stadt Steuern bezahlt haben, schulde ich Ihnen etwas: etwa 10 Rappen und natürlich Dank. Diese Rechnung habe ich angestellt, als vor wenigen Tagen der Erneuerungsantrag für mein staatliches Stipendium bei mir eintraf. Bis zum 26. Juli 2010 muss ich den Anmeldebogen – «vollständig und
gewissenhaft» ausgefüllt – zurücksenden. «Bei dieser Gelegenheit», heisst es ganz zum Schluss des Briefes, «rufen wir in Erinnerung, dass Fotokopien von Zeugnissen oder Prüfungsergebnissen stets unaufgefordert einzureichen sind (auch bei einem Misserfolg), damit wir den Verlauf Ihrer Ausbildung mitverfolgen können.» Auf der Website einer
Entwicklungshilfeorganisation wird als ein guter Grund für eine Kinderpatenschaft aufgeführt, dass man jährlich einen Bericht über die Fortschritte seines Patenkindes und des Projektes erhält, damit man aktiv mitverfolgen kann, was man mit seiner Spende bewirkt. Zudem versichert eine zufriedene Lotti Rothenbühler, Patin seit 1998, dass ihre Patenschaft ihr grosse Freude bereite. Vor allem, wenn sie sehe, dass es Zenabu heute gutgehe. Steuerspender. Wir lernen: Geldgeber wollen wissen, was mit ihrem Geld passiert und die Empfänger tun gut daran, dem Transfer eine persönliche Note zu geben. Die personalisierte Rückmeldung gibt den Spendern
      das edle Gefühl, dass sie mit ihrem
Geld konkret einem Menschen helfen. Ein Gefühl, das Sie, als Steuerspender, in letzter Zeit wohl nicht so oft verspürt haben. Dies wohl, weil Sie mit Ihrem Geld scheinbar nur unpersönlichen Dingen geholfen haben: einer Landesausstellung, einer Fluglinie oder einer systemrelevanten Grossbank. Der Schein trügt aber, denn jeder Basler Stipendiat ist auch Ihr Patenkind. Traum erfüllt. Ich gestehe, ich war ein ungezogenes Patenkind. Zu lange habe ich mich nicht bei Ihnen gemeldet. Ihre zehn Rappen sind aber bei mir angekommen und dafür bin ich sehr dankbar. Ich heisse Sven, bin 26 Jahre alt und studiere Philosophie und Recht in Basel. Dank Ihrem Beitrag hat sich für mich als Erster meiner Sippe der Traum vom Studium erfüllt. Letztes Semester habe ich mich mit Nietzsche, Heidegger, Hobbes, sozialer Ungleichheit und der Sicherungsverwahrung beschäftigt. Ein Teil Ihres Geldes ist auch in den Laptop geflossen, auf dem ich Ihnen gerade schreibe. Gerne würde ich auch etwas über Sie erfahren und ob Sie nun, da sie
mich ein wenig kennen, lieber Steuern bezahlen. Schreiben Sie doch an studentenpate@gmail.com. Als Dank erhalten Sie eine eigenhändige Zeichnung – und einen ausgewählten Paten werde ich mit dem Kolumnenhonorar zum Essen einladen.

Es grüsst Ihr Patenkind Sven
AngelaL; pixelio.de
«Zu lange habe ich mich nicht bei Ihnen gemeldet. Ihre zehn Rappen sind aber bei mir angekommen und dafür bin ich sehr dankbar.»